Warum ich mich zur MHFA-Ersthelferin für psychische Gesundheit habe ausbilden lassen
In einem unserer Trainings für Führungskräfte kam ein Moment, den ich nicht vergessen werde. Eine Führungskraft, mitten in der Übung, konnte plötzlich nicht mehr aufhören zu weinen. Was als fachliche Diskussion begann, öffnete etwas, das seit der Kindheit in ihr steckte: Diskriminierungserfahrungen, die nie richtig verarbeitet wurden, und eine Depression, über die sie noch nie gesprochen hatte. In diesem Raum, zum ersten Mal, konnte sie sich öffnen. Ein anderes Mal, in einem Workshop mit Jugendlichen, bekam eine Teilnehmerin mitten in der Übung eine Panikattacke.
Im ersten Moment könnte man denken: das sind Ausnahmen. Sind sie nicht. Laut aktuellen Daten des Robert Koch-Instituts (2024) zeigen 22 % der Erwachsenen in Deutschland eine depressive Symptomatik, 14 % eine Angstsymptomatik – bei 8 % ist sie mittelschwer bis schwer ausgeprägt. Bei jungen Frauen liegt der Anteil sogar bei 47 %. 2023 waren 16,7 % der Erwachsenen wegen einer Depression und 7,9 % wegen einer Angststörung in Behandlung. Das heißt: in jedem Raum mit 20 oder 30 Teilnehmenden sitzen statistisch gesehen mehrere Menschen, die aktuell oder in der Vergangenheit mit Depressionen, Angststörungen oder unverarbeiteten belastenden Erfahrungen leben – ob sichtbar oder nicht. (GBE RKI – Depressive und Angstsymptomatik bei Erwachsenen in DeutschlandDGPPN Basisdaten Psychische Erkrankungen, Stand Februar 2025)
Und unsere Trainings sind kein neutraler Raum in diesem Sinne. Wir sprechen über Diskriminierung, Ausgrenzung, Rassismus, Mikroaggressionen – Themen, die für viele Menschen keine abstrakte Theorie sind, sondern gelebte, oft schmerzhafte Erfahrung. Wenn jemand in der Kindheit oder im späteren Leben Diskriminierung erlebt hat, können ähnliche Inhalte in einem Training als Trigger wirken: Gefühle, Erinnerungen oder körperliche Reaktionen, die mit dem ursprünglichen Erlebnis verknüpft sind, kommen unerwartet wieder hoch – manchmal in Form von Tränen, manchmal als Panikattacke, manchmal als Rückzug. Das ist keine Ausnahme, sondern eine nachvollziehbare Folge davon, dass wir an echte Erfahrungen rühren.
Genau deshalb reicht es nicht, ein Training nur fachlich gut vorzubereiten. Man muss auch wissen, was zu tun ist, wenn in diesem Moment jemand zusammenbricht. Deshalb habe ich die Weiterbildung zur Ersthelferin für psychische Gesundheit (Mental Health First Aid/MHFA) gemacht und die Prüfung dazu bestanden. MHFA gibt mir das Handwerkszeug, um in akuten Krisenmomenten – bei einer Panikattacke, einem emotionalen Zusammenbruch, einem Hinweis auf Suizidgedanken – richtig zu reagieren: zuhören, einordnen, stabilisieren und zur richtigen professionellen Hilfe weiterleiten.
Safe(r) Spaces entstehen dort, wo Menschen sich sicher fühlen, offen über schwierige Themen zu sprechen. Genau das wollen wir in unseren Trainings schaffen. Mit der MHFA-Zertifizierung können wir diesen Raum jetzt noch verantwortungsvoller halten – für Menschen, die Unterstützung brauchen, bevor professionelle Hilfe greift.